Ethischer Konsum in einer Welt des Überflusses

Zero Waste und Clean Food, Slow Fashion oder einfach nur weniger shoppen. Immer mehr Menschen tendieren dazu, für eine bestimmte Zeitspanne auf bequemes Konsumieren zu verzichten und bewusster einzukaufen. Sind diese Selbstversuche Zeichen für eine Trendwende oder nur die Extravaganz von Privilegierten, die es sich leisten können, mal eben etwas wegzulassen.

 

Oft beginnt es mit einem guten Vorsatz nach Neujahr oder als siebenwöchiges Experiment zur Fastenzeit. Im Selbstversuch für eine begrenzte Zeit lassen Konsument*innen bewusst weg, was für uns selbstverständlich geworden: sie verzichten auf Fertigprodukte oder das zwanzigste T-Shirt aus dem Sonderschlussverkauf oder lassen das in den Regalen liegen, was aus Plastik ist oder in Plastik verpackt.

Verzicht klingt nach weniger, nach leiden und sich nichts gönnen. Doch viele, die sich bei so einem Experiment einschränken und neue Wege zu suchen, beschreiben diese Erfahrung eher als Bereicherung.

Selbstversuch: Plastik

So wie eine junge Familie aus Satteins in Österreich, die sich bis zum Einzug in ihr neue Haus vorgenommen hatte, 130 Tage lang ihren Plastikmüll zu reduzieren. Sie kauften Waren beim Bauern oder auf dem Markt, brachten eigene Behälter aus Glas oder Papier mit und gingen in Läden, die unverpackte Lebensmittel anboten. Das hört sich nach mehr Aufwand an, aber so Corinna Amann, letztendlich kam sie der Einkauf billiger, weil sie auf vieles verzichtet, wie Chips oder Fertigprodukte. Anderes wie Waschmittel oder Kosmetikartikel wird aus einfachen Mitteln selbst hergestellt.

Familie Amann bezeichnet ihr Leben als plastikfreier, denn ganz ohne Plastik geht es wohl doch nicht. Dinge wie Autos oder Bobycars, Handys oder Computer integrieren sie in ihren Alltag, wobei sie alles was möglich ist, Second Hand gekauft wird.

Ihren Weg zu einem von Plastik befreiteren Leben dokumentiert die Familie wie so viele andere Teilnehmer*innen solcher Selbstversuche, auf einem eigens dafür kreierten Blog. http://www.plastikfreier.com/ Und nach mehr als einem Jahr bleiben sie dabei. Befreiter als zuvor.

Und da immer mehr Konsument*innen diesen Weg gehen, entstehen Supermärkte mit Namen wie Unverpackt, Freikost oder Biosphäre. Hier kann die Kundschaft lose Ware abwiegen lassen und in selbst mitgebrachten Behältnissen mit nach Hause nehmen.

Selbstversuch: Mode

2014 verzichtet die Wienerin Nunu Kaller ein Jahr lang auf die Anschaffung neuer Kleidung und schreibt ein Buch darüber: Ich kauf nix. Bestimmte Waren wie Garn zum Stricken und Stoff zum Nähen sind davon ausgenommen. Als sie mit dem Versuch beginnt, zählt die Autorin die Stücke in ihrem Kleiderschrank und ist erschrocken. Es sind 264.

Sie ist nicht die einzige, die sich Auszeiten vom Shoppingwahn gönnt. Blogs mit Titeln wie Konsumrebellion oder Shopping Sabbatical gibt’s zuhauf.

Wachstum = volle Kleiderschränke

Weniger kann mehr sein.

In jedem Jahr zur Fastenzeit ruft seit 2011 eine Kampagne dazu auf, 7 Wochen lang die Ausstattung im Kleiderschrank auf nur 50 Teile zu reduzieren. Es hat sich eh herausgestellt, dass die meiste Kleidung nicht getragen wird und wir stets zu unseren Lieblingsstücken greifen.

In einem Selbstversuch haben zwei Hamburgerinnen diese Klamottenkur durchlaufen.

Als Ergebnis halten sie fest: „Wir haben Enthaltsamkeit schätzen gelernt, unser Konsumbewusstsein verstärkt, Kreativität ausgelebt und handwerkliche Fähigkeiten erlangt, nicht- profitorientierte Kleidertauschpartys kennen gelernt, Interesse für nachhaltige, biofaire Bekleidung ausgebildet und viele anregende Gespräche geführt.“

Vorschläge zur Auswahl der wichtigsten Stücke, Tipps und Erfahrungen von anderen Fastenden gibt’s auf der folgenden Website: http://www.klamottenkur.de/

Ganz sicher wird auch 2017 die siebenwöchige Kleider-Diät fortgeführt.

Monokulturen, Ausbeutung, Gifte in den Gewässern und gesundheitliche Schäden. Nicht allein nach den vielen Dokumentationen die darüber gedreht wurden, sind wir uns über die Konsequenzen von Wegwerfmode bewusst. Second Hand Läden, Kleidertauschparties oder Klamottenkuren – wir haben viele Möglichkeiten, ein Zeichen dagegen zu setzen.

Die Grundregeln für Slow Fashion klingen einfach: Kaufe bessere Kleidung, kaufe weniger davon und trage sie öfter.

Aber Zweifel bleiben bestehen. Schaffen wir zum Beispiel durch den Verzicht auf Billigmode bessere Bedingungen für die Arbeiter*innen in den Fabriken vor Ort oder entziehen wir ihnen damit die Lebensgrundlage? Und wer kann sich in dem Dschungel der Plaketten und Siegel zurechtfinden? So einfach scheint es also doch nicht zu sein.

Selbstversuch: Ernährung

Anständig Essen“ heißt ein Buch von Karin Duve, in dem sie in mehreren Etappen über ein Jahr verteilt verschiedene Ernährungsgewohnheiten ausprobiert und unter die Lupe nimmt.

Zunächst ernährt sie sich von Lebensmitteln aus ökologischem Anbau, dann vegetarisch, in einer nächsten Phase vegan und schließlich lebt sie sogar einige Zeit nur von Früchten. Während ihres Unterfangens trifft sie auf unerschrockene Hühnerbefreier und militante Ernährungsfanatiker.

Als Bilanz aus diesem Abenteuer steht keine radikale Kehrtwende an. Duve hat jedoch für sich und ihr Leben einige Schlussfolgerungen postuliert. Zum Beispiel, nimmt sie sich vor 90% weniger Fleisch zu essen, und wenn dann nicht aus Massentierhaltung. Sie will keine Lederprodukte mehr kaufen und überhaupt insgesamt weniger konsumieren. Sie beschließt künftig öfter Gebrauchtes zu kaufen und ihren Besitz insgesamt zu reduzieren.

Eine Gesellschaft des Überflusses übt den Verzicht.

Auf diese und ähnliche Konsequenzen kommen immer mehr Verbraucher*innen. Statt radikaler Einschnitte also ein langsames Einlenken und ein bewussterer Umgang mit Nahrung und anderen Konsumgütern. Sogar Sarah Jessica Parker aus der Serie Sex and the City bekennt öffentlich, für ihren Sohnemann nur noch gebrauchte Klamotten zu kaufen, nach dem sie einen aufrüttelnden Film über die Modeindustrie gesehen hat.

Auch Harry Potter Star Emma Watson will auf dem roten Teppich nur noch Kleider aus nachhaltiger Fertigung tragen. Sie gibt ihren Fans einen Leitsatz mit auf den Weg: „Wenn du eine Sache an die 30 mal tragen wirst, ist es ein nachhaltiger Kauf.“ Außerdem ist sie der Meinung, dass Konsument*innen die Macht, die sie haben, unterschätzen.

Sauberes Essen, Saubere Mode und ethischer Konsum. Können wir die dreckigen Methoden der Wirtschaft wirklich ändern, in dem wir zu Saubermännern und Sauberfrauen mutieren? Dient der Verzicht auf Bequemlichkeit und angeblichen Luxus nicht lediglich dazu, das eigene Gewissen zu beruhigen?

Kaputtes reparieren, Gebrauchtes wieder aufpeppen, bewusst weniger kaufen oder aus zweiter Hand. Immer mehr Menschen gehen diesen Weg. Vielleicht ist es vorläufig nur eine privilegierte Minderheit. Fakt ist, angesichts der abnehmenden Ressourcen sollten wir schon mal anfangen, Verzicht zu üben, denn es dauert lange, bis sich kulturelle Muster wirklich ändern. Doch wie viel Einfluss haben Käufer und Käuferinnen wirklich? Es gibt auch Stimmen, die anzweifeln, ob solch kleine Weichenstellungen einzelner ausreichen würden, der globalen Wirtschaft eine andere Richtung zu geben.

Selbst wenn durch unser Tun die Gepflogenheiten des Marktes nicht von einem Tag auf den anderen geändert werden oder die Ausbeutung des Planeten, seiner Menschen und Tiere gestoppt werden können, so ist es doch ein Signal. Diese Option ist immer noch besser als ohnmächtig zuzusehen und weiterzumachen wie bisher, denken wir. Sie gibt uns immerhin ein besseres Gefühl.

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