Warum kostet die Produktion deiner Handtasche nur 79 Cent?

In diesem Beitrag möchte ich das Thema „Arbeitsbedingungen der Textilarbeiter/innen in Bangladesch“ und ob wir als Verbraucher überhaupt was dagegen tun können, näher betrachten. In Anlehnung an die ZDF-Dokumentation „Gesichter der Armut“, die am 29.09.2015 bei 37° lief, habe ich mich gefragt, was kann ich denn wirklich tun als Endverbraucher?

Nur nachhaltig produzierte Mode kaufen?

Gut, einige werden jetzt sagen, dann kaufe nur nachhaltig produzierte Kleidung und das Thema ist gegessen. Ist das aber so einfach? Gibt es wirklich Leute, die ausschließlich nachhaltige und/oder fair produzierte Bekleidung im Schrank haben? Diese Personen mögen sich gerne im Kommentarfeld dieses Beitrags äußern. Wie bringt ihr Mode, Style, High-Fashion und nachhaltige Kleidung in Einklang? Wie realistisch ist das?

Für mich kann ich sagen, dass ich versuche nachhaltig und bewusst einzukaufen, aber wenn ich behaupte ich habe nur nachhaltig produzierte Bekleidung im Schrank, würde ich lügen, zumal einige Kleidungsstücke noch aus Zeiten stammen, als ich mir darüber noch keine Gedanken darüber gemacht habe. Ich strebe einen möglichst nachhaltigen Kleiderschrank an und berichte hier, über Neuankömmlinge in meinem Schrank.

Teuer bedeutet nicht gleich mehr Geld

Wenn wir an Menschen in Armut, die von Ihrem Lohn als Textilarbeiter/innen nicht leben können und an Müllberge und Schmutz rund um die Fabriken denken, denken viele direkt an Bekleidungsdiscounter wie KiK, Primark oder C&A. Die Realität sieht aber ein wenig anders aus. Auch Firmen, die teure Bekleidung herstellen, lassen in den gleichen Fabriken Ihre Kleidung produzieren, wo zuvor der Discounter seine Artikel nähen ließ. Teuer läuft neben billig und teuer, bedeutet nicht gleich mehr Geld für die Arbeiter/innen. C&A beispielsweise betreibt eigene Fabriken in Bangladesch, hier sind die Bedingungen besser, als in vielen anderen Nähereien. Bekleidungsdiscounter stehen, so paradox es klingt, für Sicherheitsstandards in Bangladesch – zumindest für die Wenigen, die es gibt.

Die Löhne bestimmen die Fabrikbesitzer vor Ort. Den Auftraggebern, die sich für die Arbeitsbedingungen in den Fabriken interessieren, werden oft auf den Termin vorbereitete Mitarbeiter vorgestellt. Oft wollen die Auftraggeber sich nicht näher mit dem Thema beschäftigen. Es zählt der Preis. In Bangladesch hängt die Existenz von 20 Millionen Menschen direkt oder indirekt vom Bekleidungsexport ab. Allein 3,5 Millionen Menschen arbeiten als Textilarbeiter – davon 80 Prozent Frauen, die sonst keine Möglichkeit haben Geld zu verdienen. Werden die Produktionskosten für die Auftraggeber in Bangladesch teurer, sind sie weg. Es gibt bitterarme Länder in Afrika, die froh sind, um jeden Brotkrumen der vom Tisch des Westens fällt.

Eine Textilarbeiterin verdient durchschnittlich 17 Cent die Stunde bei ca. 90 Stunden Arbeitszeit in der Woche! Das ist unglaublich, aber einfach ist die Lösung dieses Problems nicht. Die meisten Menschen kommen vom Land in die Hauptstadt Dhaka, da durch Zyklone und Überschwemmung mit Meerwasser ihre Böden für Landwirtschaft unbrauchbar geworden sind. Eine Arbeit in der Textilindustrie ist für viele Menschen die einzige Chance zu überleben. Die Arbeiter haben die Wahl zwischen Arbeit und ein bisschen Geld oder keine Arbeit und kein Geld.

Einfach nur nachhaltig und fair produzierte Bekleidung kaufen – das wäre der Weg, aber nur dann wenn ALLE mitmachen. Dies ist natürlich nicht im Ansatz realistisch. Jedoch gibt es immer mehr Menschen, die sich für die Hintergründe der Textilindustrie interessieren. Und das ist schon ein guter Ansatz für ein Umdenken. Im Bereich der nachhaltig produzierten Textilindustrie haben sich in den letzten Jahren ernst zunehmende Modelabels entwickelt. Diese tragen zunehmend dazu bei, dass dieses Thema in den Fokus der Verbraucher gelenkt wird und die Einsicht reift für Lösungen mit denen Verbraucher und die Textilindustrie leben können.

Auftraggeber müssen bereit sein, einen Teil Ihrer hohen Marge – die der Modebranche in der Regel zu Grunde liegt – zugunsten der Produktionsbedingungen zu überdenken. Die Fabrikanten müssen ihre Arbeiter/innen gerecht entlohnen, Umweltstandards einhalten und natürlich Gesetze zur Arbeitssicherheit beachten.

Es wäre möglich was zu ändern, hier geht es um viel Geld und um den Lobbyismus der Bekleidungsindustrie.

Setzt ein Umdenken ein?

Aber, es gibt auch eine positive Entwicklung. Beispielsweise, dass im Oktober 2014 vom Entwicklungsminister Gerd Müller gegründete „Bündnis für nachhaltige Textilien“ – eine Multi-Stakeholder Initiative, bestehend aus Vertreterinnen und Vertretern der Wirtschaft, Zivilgesellschaft, Standardorganisationen und Gewerkschaften, mit dem Ziel soziale, ökologische und ökonomische Verbesserungen entlang der Textil Lieferkette zu erreichen. Unter den Mitgliedern sind beispielsweise H&M, die OTTO-Group, adidas, HUGO BOSS und viele weitere namhafte Bekleidungshersteller.

Hier wird es sicher noch Jahre dauern, bis es sichtbare Fortschritte gibt. Es ist aber ein Zeichen und ich hoffe dass diese Kommission Ziele zur Verbesserung der Lieferkette definiert und deren Einhaltung durchsetzt. Es wäre beschämend, wenn die namhaften Firmen hier lediglich auf das Marketing Konzept „Nachhaltigkeit“ aufspringen.

Die Bundesregierung hat beim letzten G7 Gipfel den Punkt „Globale Lieferketten fairer gestalten“ auf die Agenda geschrieben. Dieser Punkt fand bei den anwesenden G7-Staaten keinen Anklang.

3 Kommentare
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Kommentare

  • Matthias

    20. April 2016 at 21:34
    Reply

    Hallo , ich habe die schockierende Doku "Gesichter der Armut" gesehen. Schon etwa 1 Jahr vorher habe ich begonnen in das Textillabel zu schauen. Made […] Mehr erfahrenHallo , ich habe die schockierende Doku "Gesichter der Armut" gesehen. Schon etwa 1 Jahr vorher habe ich begonnen in das Textillabel zu schauen. Made in China oder Made in India / Bangladesh lege ich sofort wieder zurück. So weit es geht kaufe ich keine Kleidung, die diesen Ursprung hat. Es geht nicht grundsätzlich immer, aber es geht recht gut. Man muss halt schauen oder ggf. fragen. Zusätzlich habe ich zu einem deutschen Herrenausstatter wechselt, der zwar nicht günstig ist, dafür aber qualitativ hochwertige Ware verkauft, die in Europa hergestellt wurde. Alternativ kaufe ich gebrauchte Kleidung die bei eBay versteigert wird, meist handelt es sich um sehr gute Ware. Hier wurde dann "nur" 1x versklavt. Insgesamt fahre ich so sehr gut und habe ein viel besseres Gewissen. Nicht ganz so leicht, aber auch nicht unmöglich. Ich spreche darüber auch viel im Freundes- und Bekanntenkreis um das Bewusstsein für das Thema zu schärfen. Read Less

  • Romana

    25. Oktober 2016 at 14:26
    Reply

    Ich handhabe es ähnlich wie Matthias es in seinem Beitrag beschreibt. Ich denke jedoch, dass "nicht kaufen" ein erster Schritt ist, aktiv aber doch viel […] Mehr erfahrenIch handhabe es ähnlich wie Matthias es in seinem Beitrag beschreibt. Ich denke jedoch, dass "nicht kaufen" ein erster Schritt ist, aktiv aber doch viel mehr getan werden müsste. Ich frage mich, wie jeder Einzelne gezielter "helfen" und "unterstützen" kann? Auch würde ich gerne wissen, welche Labels sich am "Bündnis für nachhaltige Textilien" außerdem anschließen und was genau sie tun..." ! Wie kann man an solche tieferen Informationen gelangen?! Was ist z.B. mit Marco Polo, die ja sehr teuer sind, oftmals Textilen aus z.B. 100% Wolle herstellen. Wo kommt diese her? Wie sind die Arbeitsbedigungen etc. Auf der Website selbst ist nichts dazu zu finden. Ich selbst produziere ökologische Baby- und Kindershirts mit handgefertigten Applikationen. Die Shirts wurden in der Türkei gefertigt - und erhielten das GOTS Siegel. Dieses steht für global organic textile standards" und ist z.B. schonmal ein großer Schritt in die richtige Richtung. Auch sind "fair-trade" Produkte sicherlich noch ein Ansatz. Wir kaufen Bio-Lebensmittel und Naturkosmetik, verzichten auf Plastik wo es geht & doch wundere ich mich immer wieder, wieviel Plastikmüll alleine in einem 3-Personen Haushalt mit 3 Haustieren so anfällt. Es ist gar nicht so einfach, etwas zu tun - obwohl man will ....aber die Veränderungen müssen in unserer (kleinen) Welt anfangen. Man gibt sich im Familien- und Freundeskreis weiter, versucht die Kinder danach zu erziehen und hofft, dass viele Menschen es gleichermaßen tun... Read Less

    • Constance
      to Romana

      30. Oktober 2016 at 17:52
      Reply

      Hallo Romana, herzlichen Dank für deinen Beitrag. Eine Liste der Mitglieder "Bündnis für nachhaltige Textilien" findest du hier: https://www.textilbuendnis.com/de/startseite/liste-der-mitglieder Aufgrund des öffentlichen Interesses werden Nachhaltigkeit und Fair […] Mehr erfahrenHallo Romana, herzlichen Dank für deinen Beitrag. Eine Liste der Mitglieder "Bündnis für nachhaltige Textilien" findest du hier: https://www.textilbuendnis.com/de/startseite/liste-der-mitglieder Aufgrund des öffentlichen Interesses werden Nachhaltigkeit und Fair Trade auch für Unternehmen und große Marken immer bedeutender. Sie werden nicht aufhören zu produzieren, aber man kann durch sein eigenes Konsumverhalten etwas tun und verändern. Große Veränderungen brauchen Zeit, wichtig ist, dran zu bleiben. Nachhaltigkeit ist kein Trend, sondern Notwendigkeit! Viele Grüße Dein GreenPosh Team Read Less

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